Vieles in der Wissenschaft ist Interpretation- bis hin zu Projektionen. Um etwas erklären zu können, werden die Beobachtungen mit vorhandenen Erfahrungen, vorhandenem Wissen abgeglichen- und natürlich liegt man auch immer wieder mal total daneben. Aber so entwickelt sich Wissen eben. Die Frage ist nur, wie stark wir uns davon beeindrucken lassen- und ob das immer angebracht ist.

„Kluge“ Missionare, später die Entwicklungshelfer, haben leider eine Menge Erfahrungswissen vernichtet- weil sie dessen Nutzen nicht einordnen konnten und daher nicht verstanden haben.

Wenn jedem klar wäre, dass Wissenschaft immer nur eine Momentaufnahme der gegenwärtigen Erkenntnisse sein kann, wäre das schon die halbe Miete. Gewöhnlich möchten Forscher sich mit ihrer Entdeckung lieber auf dem Siegertreppchen sonnen- als unspektakulär in einer „Entwicklungsreihe“ zu verschwinden (und damit auch auf notwendige Gelder zu verzichten). Und so werden viele Entdeckungen als das Nonplusultra verkauft, nach dem nichts mehr kommen kann. (Wenn man sich dazu noch jahrelang in ein Thema vertieft und verbissen hat, ist dieser Umgang damit wohl auch erklärbar)

Hygiene galt früher als reine Zeitverschwendung. Da konnte Herr Semmelweis noch so viele Frauen retten. Dann wurden Bakterien als Verursacher von Krankheiten ausgemacht. Die konnte man später sogar vernichten. Irgendwie – sind wir immer noch auf diesem Trip- obwohl die Forschung inzwischen ergeben hat, wie sehr unsere Gesundheit von unseren ‚Untermietern’ abhängt. Sie sind notwendig, um unsere Nahrung zu verdauen, bilden Stoffe, die wir für unser Überleben brauchen, sie schützen uns vor krankmachenden Bakterien und schulen unser Immunsystem. Sie haben sogar Einfluss auf unsere Stimmung. Nicht nur leichtfertig verschriebene Antibiotika stören unsere ‚guten Geister’, auch der hemmungslose Umgang mit Desinfektionsmitteln. Viele Hautkrankheiten könnten man sich sparen, wenn wir „unsere“ Bakterien pflegen würden, anstatt sie Keulen schwingenderweise immer wieder zu vernichten (Zu Neurodermitis laufen in diesem Zusammenhang gerade sehr interessante Studien). Auch Viren scheinen nicht nur generell „bösartig“ zu sein. Änderungen in der DNA (Erbinformation) bei Ei- und Samenzelle verlaufen meist ungünstig für den Nachwuchs. Oft werden diese Irrtümer gar nicht bemerkt, weil die Schwangerschaft in einem frühen Stadium vom Körper selbst beendet wird. Die ungeheure Vielfalt aller Lebewesen und die teilweise schnelle Anpassung an neue Umwelt-Bedingungen  ist über „Versuch und Irrtum“ schwer erklärbar. Viren z.B. wären dafür aber ein passendes Erklärungsmodell.

Gerade bei meinen sehr fleißigen Schülern gab es in schöner Regelmäßigkeit empörte Aufschreie, wenn ich darauf hinwies, dass jede Wissenschaft sich entwickelt. Wieder eine Bestätigung für mich, dass Eintrichtern von Informationen – „Tatsachen“ sind es ja nicht wirklich immer- in der Schulbildung nicht der Weisheit letzter Schluss sein sollten. Anders gestrickte Schüler sahen nämlich die unendlich vielen und spannenden Fragen, denen man sich künftig widmen könnte. Das massenhafte, unkritische Abspeichern scheint eine Art Tunnelblick zu fördern-  (oder – der Tunnelblick ermöglicht das Abspeichern eng begrenzter Bereiche? Wie gerade beschrieben: das ist schon Interpretation!)  aber das nur Rande.

So tummeln sich fast täglich neue Sensationsmeldungen in den Medien. Manche sind einfach unterhaltsam- andere halten sich eisern- obwohl schon lange deren Gegenteil bewiesen wurde. Erst recht, wenn sich damit Geld verdienen lässt.

Wie kommt es aber zu den teils skurrilen Behauptungen? Oft wurden dann Dinge in Beziehung gesetzt , die nicht direkt etwas miteinander zu tun haben. Gerade bei Abläufen in der Natur passiert das oft. Die sind nämlich fast immer viel komplexer und komplizierter als wir es uns im Moment noch vorstellen können. So haben Krebsmedikamente zwar eine Wirkung- aber (wenn , dann ) über kompliziertere Wege, als man bis vor kurzem noch dachte.

Nun ja- wenn’s hilft?
Wen interessiert das?
Jeder kennt bestimmt die furchtbaren Nebenwirkungen dieser Mittel- daher wäre es tatsächlich hilfreich, den Ablauf besser zu verstehen und nicht mit dem Holzhammer irgendwo draufzuhauen, sondern gezielter zu behandeln- und die Nebenwirkung damit zu mindern.
(Das ist kein Widerspruch zu den Naturheilmitteln- weil man damit dem Körper hilft, sich zu wehren- dabei alle Mechanismen zulässt, über die er verfügt. Die muss ich dafür nicht selbst komplett kennen- aber die dazu gesammelten Erfahrungen. In der Schulmedizin möchte man oft statt dessen eingreifen, dem Körper seine Aufgabe abnehmen, weil wir durch unsere Forschungen ja eh alles besser wissen 🙂  ) Aber egal, wofür man sich dann entscheidet: Abläufe möglichst gut zu kennen und nachvollziehen zu können, ist bestimmt in jedem Fall nicht schlecht.

In einer unserer Statistikveranstaltungen wies uns der Professor auf fehlerhaften Rückschlüsse/ Interpretationen hin: man kann z.B. „beweisen“, dass das Einkommen direkt von der Schuhgröße abhängt!
Wie bitte?
Wie doof ist das denn?
Doch! Das geht: Babies haben die kleinsten Füße, die haben in den meisten Fällen gar kein Einkommen, Männer sind im Durchschnitt größer als Frauen und haben das höchste Durchschnittseinkommen.
Wenn dieser „Zusammenhang“ nicht so leicht durchschaubar wäre, gäbe es bestimmt schon Nahrungsergänzungsmittel, um das Wachstum- und damit hoffentlich auch die Schuhgröße- von Kindern zu fördern- Und: würde gekauft!

Weitere solcher „Zusammenhänge“ sind:
Starkes Rauchen schützt vor Gebärmutterkrebs! (Na- wer ist da jetzt am Überlegen..? 😉  )
Je schütterer das Haar, desto höher das Einkommen!
Das ist noch gut durchschaubar- aber wie ist es damit:

Krebserkrankungen nehmen weltweit zu!

Weil dieses, das und jenes im Essen, in der Luft, in der Kleidung usw. sind, wir zu viel reisen, zu viel telefonieren, zu viel feiern- die Liste der „Studienergebnisse“ dazu ist unüberschaubar. Und:
Ja….
Das stimmt! Die Zahl der Krebserkrankungen ist tatsächlich weltweit gestiegen.
Es gibt auch vieles um uns herum, was Krebserkrankungen begünstigt- nur wird das oft verzerrt dargestellt. Zum einen erkennt man „Krebs“ immer früher- kann aber leider nicht unterscheiden, wie der sich entwickeln würde- d.h. ob man ihn überhaupt im Laufe seines Lebens an Symptomen bemerkt hätte.
In einem Artikel über Prostatakrebs (unter www.spice-it-up.de) habe ich erwähnt, dass die Anzahl der Erkrankten immer mehr zunimmt, je älter die Menschen sind- so dass in hohem Alter wahrscheinlich jeder Mann seinen Prostatakrebs haben wird (der ihn aber nicht unbedingt tötet- 3% der Männer versterben daran.). „Krebszellen“ gibt es eigentlich immer, dass Zellteilungen nicht so ablaufen wie geplant, auch. Das kennen unser Reparatursystem und  Immunsystem und können damit umgehen. In jungen Jahren funktionieren sie bei den meisten Menschen sehr gut, je älter wir werden, desto häufiger bleiben Fehler unerkannt und werden ‚übersehen‘. Die Knochen verändern sich, werden brüchig, die Haare fallen aus, die Augen werden schwächer, die Haut faltig, die Organsysteme machen schlapp- auch das Immunsystem.
Vor noch nicht allzu langer Zeit wurden die Menschen 35 Jahre alt, dann wurden die Lebensumstände besser, rein theoretisch hätte man viel älter werden können- wenn es nicht immer wieder Kriege gegeben hätte. Erst jetzt haben viele Menschen die Möglichkeit, sehr alt zu werden- UND: „ihren“ Krebs zu bekommen. Ich will damit nicht sagen, dass man alle möglichen ekligen Sachen ungeniert ins Essen oder in Körperpflegemittel rühren oder die Luft pusten darf- nur:  Panikmache ist bestimmt alles andere als gesundheitsfördernd! Und es bleibt ja nicht bei einem Mal. (Teilt man die Krebsverstorbenen nach Altersklassen ein, sieht es übrigens schon ganz anders aus: Danach geht die Krebsmortalität z.B. in Deutschland zurück!)

Gern werden auch Ursache und Wirkung verwechselt.
-Schokolade macht dünn! (Tatsache: Dünne essen häufiger Schokolade. Aber vielleicht, weil sie einen höheren Stoffwechsel und damit Bedarf haben. Man WIRD also nicht dünn, weil man Schokolade isst, sondern umgekehrt)
-Verzicht auf Frühstück verursacht mehr Herzinfarkte ( 27% höheres Risiko). Der Hintergrund dazu: Die hier gefundene Zahl bezieht sich auf gestresste Singles, die vor lauter Arbeit unter anderem auch vergessen zu frühstücken.
-Aktuell gelten Kinder manchmal deswegen als „verhaltensgestört“, weil sie nicht dem allgemeinen Durchschnitt entsprechen- aber zu den wenigen gehören, die „verhaltensbiologisch“ noch angemessen reagieren können. (dazu später mehr)

Auch bei den Bakterien ist oft eine allgemeine Schwäche (durch Alter, schwerer Grunderkrankung) die Ursache, dass sie sich an falschen Stellen ausbreiten und damit zum Tod führen. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass man sie generell immer und überall vernichten müßte.

Noch etwas beeinflusst Studienergebnisse: Dass nur bestimmte Gruppen untersucht werden. Entweder, weil man nicht darüber nachgedacht hat- oder weil man bestimmte Ergebnisse haben will.

Lange wurden Medikamente bevorzugt nur an gesunden jungen Männern untersucht- und die Ergebnisse genau so auf ältere Menschen, Frauen und auch Kinder übertragen (eventuell noch um das Gewicht korrigiert). Das funktioniert aber nicht, weil z.B. der Stoffwechsel in allen Gruppen unterschiedlich ist, die Medikamente also entweder viel länger im Körper bleiben als geplant (und damit eine zu hohe Dosis gegeben wird ) oder viel zu schnell abgebaut werden. Bei Kindern kommt noch dazu, dass Entwicklungen damit beeinflusst, bzw. gestört werden können. Viele der Studienergebnisse hat man außerdem von kranken Menschen gesammelt (die Werte hatte man ja sowieso) und das ungeniert auf gesunde angewendet. Beispiel: man glaubte lange, ein Kind entwickele seine Fähigkeit zum Laufen über genau definierte Stufen- immer schön nacheinander. Das ist bei bestimmten (entwicklungsgestörten)  Kindern- deren Entwicklung eben genau dokumentiert wurde- tatsächlich so. Aber nicht bei gesunden: da verläuft das Laufen lernen viel chaotischer. Auf einmal verfügen sie über mehrere neue Fertigkeiten – auch gleichzeitig, überspringen manches usw.  Diese normalen Kinder wurden dann teilweise wegen ihrer „fehlerhaften“ Entwicklung als therapiebedürftig eingestuft.

Oder man wählt eine sehr kleine Versuchsgruppe. Da kann dann alles mögliche herauskommen- z.B.:
Aktuell versterben laut Statistik ca. 40% an Herz-Kreislauferkrankungen.
Wenn ich die Todesursache von 10 Menschen untersuche- müssten also 4 davon daran verstorben sein. Vielleicht „vergreife“ ich mich aber bei der Auswahl. Bei einer so geringen Anzahl ist das leicht möglich. Schon, wenn man z.B. 50 grüne und 50 gelbe Erbsen mischt und dann blind 10 herausfischt, wird man wahrscheinlich nicht gerade 5 gelbe und 5 grüne bekommen- genauso unwahrscheinlich ist es, dass gerade 4 von den 10 zufällig ausgewählten Menschen an einer Herz-Kreislaufkrankheit verstorben sind.
Nehmen wir an, ich will den Einfluss von bunten Tapeten auf die Sterblichkeit untersuchen: Ich wähle also willkürlich 10 Menschen aus, die in bunt-tapezierten Räumen wohnten. In dieser Gruppe habe ich zufällig gerade 2 „erwischet“, die an einer Herz-Kreislauferkrankung verstorben sind. Klasse!  Ich habe einen sensationellen Fund gemacht ! (?) :

Bunte Tapeten schützen vor Herz-Kreislauferkrankungen!

Blödsinn!
So macht man doch keine Studien!  …     ?
Doch!

Es gibt immer wieder ähnlich gewonnene „Studienergebnisse“. Falls man nicht das gewünschte Ergebnis erhält, dann untersucht man eben mehrere Gruppen- und lässt die ungünstigen Ergebnisse weg. (Die an sich gute Idee, dass es eine Verpflichtung geben soll, ALLE Studienergebnisse zu einer bestimmten Fragestellung zu veröffentlichen.. hat sich bisher „noch nicht durchgesetzt“.)

Sogar ungeprüfte- ziemlich irre- Behauptungen finden ihren Weg in die Schlagzeilen: Die ZDF-Journalisten Peter Onneken und Diana Löbl wollten testen: Wie weit kommt man mit einer Diät-Idee, die ohne jede wissenschaftliche Grundlage ist? Redakteure von Boulevard-Blättern sind auf den Diät-Fake genauso hereingefallen wie Journalisten renommierter Zeitungen und Fernsehsender – und sogar Wissenschaftler. (mehr dazu)

Wenn ich eine reißerische Schlagzeile haben möchte, kann ich mit der oben beschriebenen Vorgehensweise praktisch alles z.B. für eine Krebserkrankung verantwortlich machen. Aber wem nützt das? Diese Frage sollte man sich immer stellen- bevor man unnötig in Panik verfällt- oder unnötig absurde Diätvorschriften einhält (s.o.)

Fazit: Solange der Tunnelblick nur den jeweiligen Menschen betrifft, mag das für denjenigen durchaus in Ordnung sein. Hat der aber Folgen für andere, dann werde ich unruhig. Ich finde darin wieder eine Bestätigung dafür, nicht alles für bare Münze zu nehmen und eigene Beobachtungen nicht auszuklammern, wenn sie zur „Sensation“ nicht passen. Und schon die Kinder zu ermuntern, genau hinzuschauen. Herz-Kreislaufmäßig betrachtet: .. eine gute Prävention  😉