sibirisches Moschustier, Bild von: Николай Усик

Moschusduft- soweit das Auge reicht- Oder? Auch nicht. Der Duft ist zwar überall *) „drin“,  aber meist unerkannt – weil nicht deklarationspflichtig

Echter Moschus- oder besser die synthetische Alternative?

Lieber ganz verzichten, wenn man Tiere nicht ausrotten und keine Tierquälerei will?  *1.)

Statt dessen chemische Ersatzstoffe, die aber nicht ganz unbedenklich sind?  *2.)

Gibt es denn nichts ohne Quälerei und ohne üble Nebenwirkungen?  *3.)

1.)

Gerade, was dieses Marktsegment angeht, werden eventuelle Bedenken gern unbeachtet über Bord geworfen. Moschusduft wirkt durch die enthaltenen Pheromone stark erotisierend und ist wunderbar verträglich. Jahrhundertelang gibt es schon die Tinktur in der Medizin und der Parfumerie – gewonnen aus den Drüsen von Moschushirschen. Der Duft war so begehrt, dass die Tiere darüber fast ausgerottet wurden. Um 1 kg Moschus zu erhalten, mussten mindestens 160 Tiere getötet werden.

Naja- vielleicht, wenn man sie nicht gleich dafür tötet? In China werden die Hirsche in Farmen gezüchtet und pro Jahr ca. 10g Sekret pro Hirsch „ausgeschabt“. Viel besser ist das auch nicht- die Tiere werden damit traumatisiert und überleben diese Prozedur nicht unbedingt. Zudem ist die Qualität schlechter und die Menge sehr viel geringer. Daher ist echter Moschus nahezu unbezahlbar und fast nicht mehr zu bekommen.

Wozu überhaupt der ganze Aufwand?

Moschusduft soll Parfums eine animalische und „warm-süße“ Duftnote verleihen, ein Empfinden von Geborgenheit und Sinnlichkeit hervorrufen. Eine orale Einnahme von Moschus wirkt sogar als Dopingmittel, weil es den Testosteronspiegel erhöht- wie Forscher eines Anti-Doping-Labors in Köln zufällig herausfanden.

2.)

Ende des 19. Jahrhunderts gelang es zum ersten Mal, den Duft synthetisch herzustellen- etwas später folgte eine noch günstigere Variante. Heute wird aus Artenschutzgründen (und wenn man ehrlich bleiben will – auch aus Kostengründen und Verfügbarkeit) nur noch ‚synthetisches Moschus’ verwendet. In der traditionellen chinesischen Medizin dagegen hat es (das echte) noch immer seinen festen Platz.

Künstliche Moschusduftstoffe sind aus der Textil- und Kosmetikindustrie nicht mehr wegzudenken. Da sich natürlicher Moschus aus den oben genannten Gründen verbietet, werden Aromastoffe mit dieser Duftnote jährlich in Mengen von mehreren tausend Tonnen chemisch hergestellt. Die wenigsten wissen, dass diese speziellen Duftstoffe schwer abbaubar sind und sich in der Umwelt- und uns selbst- anreichern. Bei Untersuchungen in Belgien, der BRD, den Niederlanden wurden sogar im Regenwasser (in sämtlichen Proben!) Moschusverbindungen gefunden.

*) Künstliche Moschusverbindungen werden als Duftstoffe in Waschmitteln, Putzmitteln, Hautcremes, Seifen, Badezusätzen, Haarshampoos, Parfums, Raumsprays, Insektensprays, Räucherstäbchen und Textilien eingesetzt. (Warum ausgerechnet ein „Kinderparfum“ unbedingt erotisierend wirken muss?…mag man sich gar nicht erst vorstellen…)

In Geschirrspül-, Reinigungs- und Waschmitteln, die das Österreichische Umweltzeichen („Hundertwasserzeichen“) tragen, dürfen Nitromoschusverbindungen und die Polyzyklischen Moschusverbindungen Galaxolide und Tonalide nicht enthalten sein. Das EU Umweltzeichen (Eco Label) stellt dieselbe Bedingung. In Naturkosmetikprodukten sind künstliche Moschusverbindungen ebenfalls nicht erlaubt.

Wie geraten diese Stoffe in unsere Organe, ins Fettgewebe, in die Muttermilch-

wo sie ebenfalls nachgewiesen wurden?  Die Aufnahme erfolgt über die Haut (Wäsche, Parfums, Pflegemittel, Reinigungsmittel), die Nahrung (z.B. Süßigkeiten werden damit aromatisiert, oder es reichert sich z.B.. in fettem Fisch an) und die Atemluft (Deospray, Haarspray, Raumspray usw). Über das Blut gelangen die Moschusduftstoffe dann ins Fettgewebe und in die Organe und werden dort zum Teil gespeichert.

Dummerweise gibt es keine gesonderte Kennzeichnungspflicht für diese Stoffe (im Gegensatz zu bestimmten Stoffen, die als -synthetischer- Einzelstoff zwar allergen, krebserregend, immun“störend“ usw. wirken können- aber diese Nebenwirkungen nicht unbedingt auch im natürlichen Vorkommen als Teil eines ätherischen Öls aufweisen. Dieser Unterschied wird bei der Kennzeichnung nicht berücksichtigt.)

Viele der Nitro-Moschusverbindungen sind leider gesundheitsschädlich: Moschus-Ambrette verursacht eine erhöhte Empfindlichkeit der Haut für Sonnenlicht und im Tierversuch Hodenschrumpfungen. Wie Moschus-Xylol schädigt es zudem das Nervensystem und das Immunsystem und steht im Verdacht, krebserregend zu sein. 1995 wurde „Moschus-Ambrette“ in der EU verboten und 1997 die Verwendung der Nitro-Moschusverbindungen Moschus-Mosken und Moschus-Tibeten in Kosmetika untersagt. Dagegen sind andere Nitro-Moschusverbindungen erlaubt. Die Langzeitwirkungen von Polyzyklischen Moschusverbindungen auf die Gesundheit sind nicht „wirklich“ untersucht (das gilt aber für viele Zusatzstoffe).

Umso bedenklicher ist, dass diese Umweltgifte in großen Mengen hergestellt und in Produkten eingesetzt werden, mit denen wir täglich in Kontakt kommen. Was sich zum einen wegen fehlender Kennzeichnung nicht verhindern lässt- zum andern leben wir ja nicht allein in einer Blase. Die Polyzyklische Moschusverbindung „Tonalide“ zeigte sich im Tierversuch als giftig für die Leber. Schon eine einmalige Gabe von Tonaliden löste bei Ratten Entzündungen in der Leber aus und führte zu einem Zerfall der Leberzellen. Galaxolide stehen ebenfalls im Verdacht, die Leber zu schädigen.

In Abwasseraufbereitungsprozessen der kommunalen Kläranlagen können diese Stoffe nur teilweise aus den Abwässern entfernt werden. Daher sind Galaxolid und Tonalid in Wasser, Sedimenten und Schwebstofen aller deutschen Flüsse nachweisbar.

Genug der Gruselgeschichten!
3.)
Schließlich gibt es ja eine Alternative 🙂

By Francisco Manuel Blanco (O.S.A.) – Flora de Filipinas […] Gran edicion […] [Atlas II].[1], Public Domain,

Eine Pflanze, die zu den Malvengewächsen gehört, bildet Samen aus, deren Duft dem echten Moschus vergleichbar ist- daher auch der Name „Moschuskörner“ (eine andere Bezeichnung dafür ist „Ambretta-Samen“). Wer sich für die „Botanik“ näher interessiert:  https://de.wikipedia.org/wiki/Bisameibisch

Der stark animalische Duft-Anteil ist geringer, wenn das Öl einen geringeren Fett(säuren)anteil hat. Die „entschärfte Variante“ entsteht natürlicherweise, wenn die Samen nicht sofort verarbeitet werden. (Interessant in diesem Zusammenhang: Ca. ein Drittel der Menschen fühlt sich von Moschusduft stark angezogen, dagegen ca. ein Drittel extrem abgestoßen. Darüber hinaus scheint der kulturelle Hintergrund die Vorlieben zu beeinflussen. Für moschus-empfindliche Menschen steht mit der pflanzlichen Alternative ein Extrakt mit geringerem Fettsäureanteil zur Verfügung.)

Die meisten aphrodisisch wirkenden Düfte werden automatisch dem weiblichen Geschlecht zugeordnet (auch das hat einen kulturellen Hintergrund). Der Duft der Moschuskörner/ Ambrettasamen wird dagegen sowohl von/für Männer als auch Frauen akzeptiert. Der Duft der Samen ist „sehr komplex und typisch“. Er ist sogar noch in einer Konzentration von 0.01-0.04% wahrnehmbar. Beschrieben wird er als „leicht blumig“ mit einem „Ton von Zypresse, Rose, Salbei und Cognac“.

Sich nur mit einer Beschreibung vorstellen zu können, wie das riecht? Schwierig! Finde ich auch. ☺ Also am besten selbst schnuppern. (Ich gehöre z.B. zu dem Drittel, das „Moschus“ als unangenehmen und aufdringlichen Schweißgeruch wahrnimmt. Mit den Ambrettakörnern/Moschuskörnern habe ich keine Probleme- sobald sie etwas abgelagert sind. Auch beim „entschärften“  Ambrettasamen-Extrakt  bleibt mein Brechzentrum ganz gelassen- ja es riecht sogar recht angenehm.  Also am besten: vor dem Kauf selbst testen!)

In der traditionellen Medizin werden die Samen als bitteres Tonikum, zur Kühlung, als Aphrodisiakum, zur Verdauungsförderung, Deodorant und Harntreibungsmittel verwendet- in Indien auch bei Schlangenbissen. In der Aromatherapie wird das ätherische Öl nicht als Einzelmittel verwendet, nur in Mischungen, in denen es als wärmende, erdende, entspannende und sinnliche Basisnote und als Fixateur wirkt. Es gibt etwas „langweiligen“ oder „kopfbetonten“ Mischungen Tiefe und eignet sich gut für exotische, orientalische und auch maskuline Düfte.

In verschiedenen Kombination kann es unterschiedliche Wirkungen unterstützen. Zusammen mit Jasmin, Patchouli, Sandelholz, Ingwer, Zimt, Vetiver oder Ylang-Ylang zum Beispiel ergibt sich eine erotisierende Wirkung. Aufheiternd wirkt die Mischung mit Basilikum, Koriander, Rosenholz, Zitrone, Orangenblüte, Grapefruit, Geranium oder Muskatnuss. Es kann aber auch konzentrationsfördernd gemeinsam mit Eucalytus, Rosmarin, Zitrone sein, entspannend mit Vanille oder Lavendel oder anregend mit Iris, Pfeffer, Lorbeer, Kiefernadel.

Die Anwendung beschränkt sich nicht nur auf Parfums usw.: Sogar in Fleisch-Konserven, Soßen, Tabak, Süß- und Backwaren wird das destillierte Ambrettasamen-Öl eingesetzt.

Moschuskörneröl/Ambrettasamen-Essenz ist zwar nicht ganz billig, das wird aber durch die geringe Einsatzmenge und gute Haltbarkeit wettgemacht (nicht zu vergessen: die unbehelligten Moschus-Hirsche und die durch -diesen- Duft nicht belastete Umwelt).

weitere Infos (bei Wikipedia sowieso ) und auch unter

https://www.greenpeace.org/austria/Global/austria/dokumente/Factsheets/umweltgifte_kuenstliche_moschus_duftstoffe_2005.pdf

https://www.umweltprobenbank.de/de/documents/profiles/analytes/14101[:]


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